Abseits der Pisten überleben - Teil 3: Gefälle


Von -Patrick- an 16 März 2016 · 0

### Teil 3 – Gefälle

Woran erkenne ich eigentlich Gefahren wenn ich bereits im Gelände bin? Es hilft euch wenig, den Lagebericht auswendig gelernt zu haben, wenn ihr das gelernte nicht interpretieren und anwenden könnt. Ein besonders wichtiger Faktor ist das Gefälle, also die tatsächliche Hangneigung. Eine richtige Einschätzung ist dabei viel schwieriger als es scheint. Bereits Anfänger auf Pisten stellen fest, dass die rote Piste vom einen Gebiet kaum steiler als die blaue in einem anderen Gebiet ist. Wer abseits der Pisten überleben will, sollte sich ohnehin nicht auf Farbtafeln, sondern auf sein eigenes Wissen berufen. Macht mit uns den Test, wie gut ihr Gefälle einschätzen könnt und welche Zahlen ihr euch merken solltet.

Worauf kann ich achten um Gefahren zu erkennen?

Vieles hängt von der Erfahrung ab, das wissen wir bereits. Wenn euch diese Erfahrung ganz fehlt, dann solltet ihr ganz besonders jetzt, wenn die Tourensaison in Schwung kommt nicht ohne erfahrene Freunde oder einen Guide unterwegs sein. Dass Skitouren auch eingefleischte Freerider in ihren Bann ziehen können, hat Willi euch in diesem Artikel an einem Selbsttest veranschaulicht. Vor einem unverspurten Hang zu stehen und keine Eile zu spüren, weil 20 Leute vom Lift her euren Spuren gefolgt sind, ist schon etwas Besonderes.
Der Moment bevor ihr in den Hang stecht, ist nämlich auch der, mit dem ich mich heute befassen will. Ich weiß, in der Praxis sieht es oft anders aus, aber ich will jetzt einfach mal den Idealfall beschreiben: Ihr steht am Gipfel, der Schnee ist kalt, unverspurt und neben euch stehen zwei oder drei gute Freunde, mit denen ihr auf dem Herweg schon über den aktuellen Lagebericht gesprochen und diskutiert habt. Jetzt gilt es diese guten Voraussetzungen im Gelände auch zu eurer eigenen Sicherheit anzuwenden. Bei einer Skitour gilt das natürlich schon beim Aufstieg. Fühlt euch nicht als Spaßbremse, wenn ihr in euer Gruppe auf Risikomanagement besteht. Wer eure Sorgen abtut, ist kein geeigneter Partner im Gelände.

Wann löst sich mein
Wann löst sich mein "Buchbrett"?

Gefälle beurteilen

Je steiler der Hang, desto wahrscheinlicher werden auch Lawinen? Das stimmt und stimmt aber auch wieder nicht. Wie so oft ist die Antwort nicht klar und eindeutig auf eine Zahl festzulegen. Ein verschneiter Golfplatz hat natürlich keine Lawinengefahr. In Gelände bis 25° Hangneigung sind Lawinen nur sehr selten bis gar nicht zu befürchten. In solchem Gelände findet sich aber auch kein Tiefschnee-Begeisterter. 20° ist ein Hang auf dem eure Kinder die ersten Pizzastück-Schwünge am Zauberteppich lernen. Im Powder müsstet ihr hier schieben. Zwischen 25° und 35° Gefälle steigt die Lawinengefahr deutlich an. Besonders, wenn die Bedingungen schlecht sind, kann ein Schneebrett hier schon beachtliche große erreichen. Die wichtigste Zahl, die ihr euch merken solltet ist 38°. Bei diesem Winkel geraten die meisten Lawinen ins Rutschen. Statistiken aus Kanada und der Schweiz zu Folge, geschehen die meisten Lawinenunglücke durch menschliche Auslösung zwischen 37° und 42°.

Ist steiler also sicherer, wenn über 42° weniger passiert? Das wäre ein Trugschluss. Fakt ist, dass Schnee auf sehr steilen Hängen häufiger von selbst ins Rutschen gerät. Legt einfach mal zwei Bücher aufeinander und ihr seht was passiert, wenn ihr den Winkel erhöht. Gleichzeitig nimmt das Schicksal seinen Lauf mit größerer Gewalt und mehr Tempo, wenn ihr ein Schneebrett in sehr steilem Gelände auslöst. Hier geht es einfach nur um Schwerkraft und keine Raketenphysik. Dann bedenkt aber bitte auch, dass in extrem steilem Gelände wesentlich weniger Sportler unterwegs sind, was natürlich auch dafür Sorgt, dass weniger Unfälle in der Statistik auftauchen.

In Tourenbeschreibungen findet ihr häufig Angaben zu Hangneigung. Nehmt das nie für bare Münze, denn kein Hang ist so gleichmäßig steil wie es euer Buch ist. Es reicht oftmals ein kleines Schneefeld zu stören, das ein paar Grad steiler ist als der Rest des Hanges und der Rest des Berges fängt auch an zu rutschen. Bedenkt das also bei eurer Abfahrt und sprecht bereits am Gipfel oder im Aufstieg mit euren Freunden über die Line-Wahl. Ein paar Tipps zum Erkennen von solchen Stellen gebe ich euch im nächsten Artikel.

Wie ihr die Hangneigung auf Karten erkennt und vieles mehr, lernt ihr in der wePowder Safety Academy
Wie ihr die Hangneigung auf Karten erkennt und vieles mehr, lernt ihr in der wePowder Safety Academy

Wie messe ich die Hangneigung?

Gut beraten seid ihr mit einem Kompass mit Neigungsmesser. Damit könnt ihr Gefälle auch aus der Entfernung beurteilen und somit einzelne Stellen in größerer Entfernung messen. Es gibt auch Möglichkeiten das Gefälle an der Stelle, an der ihr euch aufhaltet zu messen. Eine ganz einfache werde ich euch bald in einem Video vorstellen. Alles was ihr dazu braucht sind eure beiden Skistecken. Verlasst euch nicht auf euer Augenmaß! Macht direkt jetzt den Test und sucht euch ein altes Geodreieck aus der Schublade. Sucht euch ein paar schräge stellen in eurer Wohnung und schätzt zuerst, dann messt nach. Ihr werdet erstaunt sein, wie weit ihr daneben liegt (ein paar Grad sind im Gelände der entscheidende Unterschied, also feiert euch nur selbst wenn ihr wirklich richtig liegt!). Aber Achtung, Bilderrahmen rutschen gerne schon mal ab 25° vom Haken. Viel Spaß beim Ausprobieren.

Übersicht aller Teile:

Viele der Informationen dieser Artikel-Serie basieren auf dem Buch „Staying Alive in Avalanche Terrain“ von Bruce Tremper. Wer alles ausführlich und mit vielen anschaulichen Illustrationen nachlesen will und Englisch gut versteht, findet das Buch hier. Ich werde euch nicht das gesamte Buch übersetzen, sondern einzelne Themen herauspicken, die fortgeschrittenen Freeridern und Tourengehern als Denkanstöße dienen, um selbst aktiv ihr Wissen zu vertiefen. Geballtes Wissen, sowohl für Einsteiger als auch für Fortgeschrittene, findet ihr in der wePowder Safety Academy. Die ersten beiden Kapitel von Course I und Course II sind kostenlos!

Shred save, Patrick


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