Irrglaube Wald: Was wir aus diesem Lawinen-Video lernen können


Von -Patrick- an 16 Januar 2018 · 0

PowderAlarm #11 wird ein Treerun-Alarm. Die Gründe könnt ihr hier nachlesen. Ein gefährlicher Mythos der leider weit unter Freerider verbreitet ist, betrifft den Irrglauben, dass im Wald keine Lawinen abgehen können. Das ist falsch, seht euch einfach nur das Video oben an. Bäume können (im richtigen Abstand) zwar zur Stabilisierung der Schneedecke beitragen, geben aber keine Garantie für Sicherheit vor Lawinen. Morris Empfehlung zu PA #11 im Wald zu fahren, ist der Tatsache geschuldet, dass während der Schneefälle starker Wind erwartet wird, der zu massiven Schneeverfachtungen (Schneebrett-Lawinen) führen wird. Der Wald schützt die Schneedecke vor Wind, es wird weniger Schnee verfrachtet als in exponierten Kamm- oder Gipfelbereichen. Lawinengefahr besteht dennoch.

Im Video seht ihr den Live-Mitschnitt eines Freeriders, der in Vail (Colorado, USA) einen Lawinenabgang im Wald überlebt hat. Vail ist bekannt für sein Powder-Paradies „Back-Bowls“, Talschüsseln mit tollem Schnee und wenig Bäumen. Doch auch Treeruns gibt es jede Menge, denn im Gegensatz zu den Alpen, wachsen in Colorado Bäume noch auf über 3500 m Höhe. Das wichtigste vorweg: Ja, auch im Wald besteht Lawinengefahr, ihr benötigt die gleiche Ausrüstung und Vorbereitung, wie oberhalb der Baumgrenze.

Auch im Wald immer achtsam bleiben!
Auch im Wald immer achtsam bleiben!

Verbreitetes Unwissen über Lawinen im Wald

Leider hört man immer wieder den Satz, "Im Wald kann ja eh nichts passieren!". Das ist nicht nur falsch, sondern es ist schlichtweg dumm und gefährlich solche Aussagen zu treffen. Im obigen Video löst sich eine Lawine im Wald, der Freerider versucht sogar noch Halt an einem Baum zu finden, da er weiß, dass der Auslauf der Lawine über eine Klippe von mehr als 15 Metern Höhe führt. Ihr könnt das gut erkennen, nach ca. elf Sekunden des Videos. Die Schneemaßen rauschen vorbei, der Freerider scheint zunächst noch zu wiederstehen, doch dann reißt der Baum ab und es gibt kein Halten mehr.

In diesem Fall rettet der Airbag-Rucksack den Freerider und er bleibt an der Oberfläche. Wäre er gleich zu Beginn mitgerissen worden, wäre er aufgrund der Anrisshöhe der Lawine (mehr als ein Meter) vermutlich trotz Airbag komplett verschüttet worden. Da er und sein Partner beide mit LVS, Schaufel und Sonde ausgestattet waren, wäre die Kameradenrettung auch dann noch möglich gewesen. Der Airbag ist nur eine Ergänzung. Eine geniale Erfindung, die Kammeraderettung mit LVS kann er jedoch nicht ersetzen.

Wer Gefahren verharmlost trägt Mitschuld an Unfällen und Folgen

Unwissenheit schützt nicht vor Lawinen. Wer im Wald ohne Wissen und Ausrüstung unterwegs ist, vertraut auf sein Glück und sonst nichts. Ich bin als Kind selbst einfach von der Piste in den Wald gefahren. Ich kannte die Gefahren damals nicht, ich hatte einfach Glück, dass nie etwas passiert ist. Lawinen in einem Skigebiet? Im Wald, nah an der Piste? Sowas hörte ich als Kind von niemanden. Auch wenn ich erst im jungen Erwachsenenalter mein Wissen über alpine Gefahren angesammelt habe, wäre ich nie auf die Idee gekommen anderen zu entgegnen, dass z.B. im Wald nichts passieren kann. Lest mehr über Gelände und Gefahrenzeichen in diesem Artikel.

Ohne Sonde ins Gelände? Niemals!
Ohne Sonde ins Gelände? Niemals!

In der Realität sieht es leider so aus, das Unwissen eben doch weit verbreitet ist und unreflektiert weitergegeben wird. Meistens steckt dahinter Bequemlichkeit, da es schlichtweg der einfachere Weg ist. Zum Autofahren absolviert man verpflichtend Theorie-Stunden, Freerider müssen sich freiwillig ausbilden. Klar, es ist ein Hobby und wird immer mehr zum Breitensport, das bedeutet jedoch nicht, dass die Gefahren und Konsequenzen in den Bergen dadurch klein zu reden sind. Ich erinnere mich gerade an ein Gespräch über Gefahren abseits der Pisten, von dem mir einmal erzählt wurde. Dabei sagte Jemand der regelmäßig auf Skitouren abseits der Pisten Tirols unterwegs ist, Schaufel und LVS würden völlig ausreichen, die Sonde wäre unnötig. "Doch, doch, die Schaufel reicht, ich grabe dann einfach. Und ich werde ja trotzdem gefunden." Wenn die Begleiter so gut informiert sind, wie diese Person, dann wird genau eines gefunden: Eine Leiche. Denkt daran ihr habt selten mehr als 15 Minuten um eine verschüttete Person auszugraben, bevor diese verstirbt.

"Ich geh ja nur da wo's nicht gefährlich ist." Noch so ein Satz der mir die Gesichtszüge verbiegt. Er stammt aus dem selben Gespräch, ich will aber gar nicht wissen wie oft ich diesen Satz schon von den unterschiedlichsten Leuten gehört habe. Spricht man diese Personen dann auf aktuelle Gefahren und Schwachschichten in der Schneedecke (zum damaligen Zeitpunkt) an, so erntet man in nahezu allen Fällen nur großes Erstaunen, denn von sowas hätte man noch nie etwas gehört.

Die größte Gefahr: Gefahren nicht kennen
Die größte Gefahr: Gefahren nicht kennen

Kein Hobby wie jedes Andere

Freeriden und Tourengehen sind keine Hobbies, die ihr einfach mal so am Wochenende ausprobieren könnt. Geht Minigolf spielen, oder tragt euer Schlauchboot ins Kinderbecken, aber kauft euch nicht einfach Powderlatten, ohne die Theorie zu lernen. Ich weiß, fast alle Skigebiete werben auf ihren Plakaten mittlerweile mit Powder-Shots statt Aufnahmen von tollen Pisten, lasst euch aber nicht dazu verleiten, das freie Gelände auf die leichte Schulter zu nehmen. Aus den Leser-Zuschriften die wir bekommen weiß ich, dass unter euch viele verantwortungsbewusste und erfahrene Freerider sind, sowie wissbegierige Einsteiger, die nach Guides für Gebiete fragen, oder ihr Wissen in Kursen wie der Mountain Academy sammeln. Denkt jedoch immer an daran: Verbreitet nie Verharmlosungen an weniger erfahrene Rider. Wenn ihr unsicher seid, dann seht selbst nach und gebt Tipps, wo man an gute Informationen kommt. Aber sagt niemals Satze die "...schon immer so gemacht", "...noch nie was passiert", oder "... is ja eh nur" beinhalten. Beim Minigolf alles kein Thema, beim Powdern könnt ihr mit solchen Aussagen eine Mitschuld am Tod von Menschen haben.

Zurück zur Lawine aus Colorado. Der Freerider im Video hat einen Text auf Youtube verfasst, den er an alle Freerider, erfahren oder nicht richtet:

You could see just how much snow slid and how quickly it moved, but also to remind everyone out there of the possibility of avalanches, even in zones you have been skiing since you were a kid or where other skiers are present. We need to continue the conversation and remind each other to stay vigilant out there. I hope this video can help you stay aware out there.

Kurz gesagt, er erinnert uns alle daran, dass es verdammt furchteinflößend ist in eine Lawine zu geraten, wir diese Gefahr nie vergessen sollten, egal wie gut wir denken das Gebiet und die Bedingungen zu kennen. Daher lautet mein Rat an alle Anfänger immer wissbegierig zu bleiben und sich die richtigen Partner und Vorbilder auszuwählen, während auch die erfahrensten Haudegen niemals ihr lokales Wissen und die eigene Erfahrung überschätzen sollten.

Shred save!


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